Rome V veröffentlicht: Neue Kriterien für Erkrankungen der Darm-Hirn-Interaktion

Zehn Jahre nach Rome IV ist Rome V erschienen. Die neue Ausgabe der Rome-Kriterien aktualisiert nicht nur die diagnostischen Kriterien für Disorders of Gut–Brain Interaction (DGBI), sondern entwickelt auch das zugrunde liegende Krankheitsverständnis deutlich weiter. Neue Erkenntnisse zu Darm-Hirn-Interaktion, enterischem Nervensystem, intestinalem Mikromilieu, Ernährung, Mikrobiom, Immunfunktion und psychosozialen Faktoren finden ebenso Eingang wie neue diagnostische Algorithmen und therapeutische Konzepte.

Für die klinische Praxis besonders relevant: Rome V unterscheidet stärker zwischen standardisierten Kriterien für Forschung und Studien und einem pragmatischeren klinischen Ansatz für die Versorgung.

Rome IV → Rome V: Was hat sich wesentlich verändert?

DGBI statt „funktionelle gastrointestinale Erkrankungen“

Der mit Rome IV begonnene Paradigmenwechsel wird konsequent fortgeführt: „Disorders of Gut–Brain Interaction“ (DGBI) ist nun die bevorzugte Terminologie. Die frühere Bezeichnung „functional gastrointestinal disorders“ soll nicht mehr verwendet werden. Auch das Wort „functional“ wurde aus einzelnen Diagnosen entfernt, soweit eine geeignete Alternative vorhanden war. Ziel ist eine wissenschaftlich präzisere und weniger stigmatisierende Beschreibung dieser Erkrankungen.

Neu: stärkere Trennung zwischen Forschungskriterien und klinischer Praxis

Eine der praktisch wichtigsten Neuerungen betrifft den Umgang mit den Rome-Kriterien selbst. Die klassischen Kriterien mit definierten Häufigkeits- und Zeitgrenzen bleiben insbesondere für klinische Studien und Forschung wichtig.
Für die klinische Versorgung empfiehlt Rome V dagegen zusätzlich Rome Clinical Criteria: Entscheidend sind die charakteristischen Symptome, der Ausschluss relevanter Differenzialdiagnosen und die individuelle Beeinträchtigung („bothersomeness“). Niedrigere Symptomfrequenzen können akzeptiert werden, auch die für Forschung häufig geforderte Symptomdauer von sechs Monaten muss klinisch nicht zwingend erreicht sein. Als Orientierung werden häufig etwa acht Wochen genannt. Damit sollen auch Patient:innen mit klinisch relevanten, aber formal „subdiagnostischen“ Beschwerden adäquat diagnostiziert und behandelt werden.

Reizdarmsyndrom: „Discomfort“ kehrt zurück

Beim Reizdarmsyndrom (IBS) gibt es eine wichtige Korrektur gegenüber Rome IV. Bauchbeschwerden (engl.: „abdominal discomfort“) wird wieder in die diagnostischen Kriterien aufgenommen. Gleichzeitig sinkt die erforderliche Frequenz von abdominalen Schmerzen bzw. Beschwerden von mindestens einem Tag pro Woche auf mindestens drei Tage pro Monat während der vergangenen drei Monate.
Neu wird außerdem präzisiert, dass die Beschwerden nicht kontinuierlich vorliegen sollen – dies erleichtert die Abgrenzung zum Centrally mediated Abdominal Pain Syndrome (CAPS).

Neue Diagnosen bei Erwachsenen

Rome V erweitert das Spektrum der DGBI. Neu aufgenommen wurden insbesondere:

  • das Inability to Belch Syndrome („retrograde cricopharyngeal dysfunction“),
  • die abdominale Migräne bei Erwachsenen,
  • sowie anorektale sensorische Funktionsstörungen mit rektaler Hypo- und Hypersensitivität.


Funktionelle Dyspepsie und gastroduodenale DGBI werden präziser

Bei der funktionellen Dyspepsie bleiben Postprandial Distress Syndrome (PDS) und Epigastric Pain Syndrome (EPS) erhalten, werden aber klarer voneinander abgegrenzt. Beim PDS wird der Zusammenhang mit der Mahlzeit stärker betont: Postprandiale Symptome werden als innerhalb von zwei Stunden nach Nahrungsaufnahme ausgelöst oder verstärkt definiert. Postprandiale epigastrische Schmerzen, Übelkeit, Blähungen oder übermäßiges Aufstoßen können dabei zum PDS-Spektrum gehören. Auch chronische Übelkeit und Erbrechen, zyklisches Erbrechen sowie Cannabinoid-Hyperemesis werden klarer phänotypisiert.

Ösophagus: Lyon 2.0 und Chicago Classification 4.0 integriert

Bei ösophagealen DGBI bringt Rome V die Kriterien auf den aktuellen Stand der Funktionsdiagnostik. Zur Abgrenzung von GERD werden nun die Lyon-Consensus-2.0-Kriterien, zur Abgrenzung relevanter Motilitätsstörungen die Chicago Classification v4.0 herangezogen. Auch funktionelle Lumenimpedanz-Planimetrie (FLIP) und moderne Impedanzparameter erhalten größere Bedeutung.

Anorektale Diagnostik wird stärker physiologisch differenziert

Neu sind die Diagnosen rektale Hypersensitivität und Hyposensitivität. Gleichzeitig wurden die Kriterien für die dyssynergische Defäkation überarbeitet: Neben typischen Evakuationsbeschwerden genügt nun ein abnormaler objektiver Test aus Ballonexpulsionstest, Manometrie oder Bildgebung; Rome IV verlangte zwei.

Große Erweiterung in der Pädiatrie

Die bisherige Einteilung nach Altersgruppen wird verlassen. Pädiatrische DGBI werden nun – ähnlich wie bei Erwachsenen – stärker nach anatomischen Regionen und Symptomkomplexen gegliedert. Insbesondere ösophageale DGBI, funktionelle Feeding Disorders und weitere obere GI-Störungen erhalten deutlich mehr diagnostische Aufmerksamkeit. Für den Rome-V-Fragebogen wurden 14 zusätzliche pädiatrische DGBI aufgenommen.

Was bedeutet Rome V für die Praxis?

Für die Versorgung lässt sich Rome V auf einige zentrale Botschaften verdichten:

  • DGBI sollen positiv diagnostiziert werden, statt sie primär als Ausschlussdiagnosen zu behandeln.
  • Die individuelle Beeinträchtigung zählt: Patient:innen können behandlungsbedürftig sein, auch wenn sie starre Forschungsgrenzwerte nicht vollständig erfüllen.
  • Überlappende DGBI sind häufig und sollten aktiv berücksichtigt werden.
  • Diagnostik soll gezielt und phänotyporientiert erfolgen – einschließlich moderner Funktionsdiagnostik, wenn diese die therapeutische Entscheidung beeinflusst.
  • Das biopsychosoziale Modell bleibt zentral, wird aber stärker mit biologischen Mechanismen wie Barrierefunktion, Immunaktivierung, Mikrobiom, Ernährung, ENS und zentraler Verarbeitung verzahnt.

 

Rome V in Gastroenterology: die Artikelserie im Überblick

Die Rome-V-Serie umfasst 18 Beiträge von den neurogastroenterologischen Grundlagen bis zu den neuen diagnostischen Kriterien.

Grundlagen und übergreifende Konzepte

  1. Drossman, Chang & Tack – Disorders of Gut–Brain Interaction and the Rome V Process
    Der zentrale Einstieg in Rome V: neue Klassifikation, klinische Kriterien, neue Diagnosen und die wichtigsten Veränderungen gegenüber Rome IV.
    → zur Originalpublikation
  2. Greenwood-Van Meerveld et al. – Fundamentals of Neurogastroenterology: Basic Science
    Update zu ENS, Neuroplastizität, neuroimmuner Kommunikation, Mikrobiom-Gut-Hirn-Achse und neuen experimentellen Technologien.
    zur Originalpublikation
  3. De Giorgio et al. – Fundamentals of Neurogastroenterology: Physiological Aspects and Clinical Implications
    Von Motilität und viszeraler Sensitivität bis Barriere, Immunfunktion und Mikrobiom: physiologische Grundlagen der Symptomgenerierung bei DGBI.
    → zur Originalpublikation
  4. Grover et al. – The Intestinal Microenvironment and Disorders of Gut–Brain Interaction
    Ernährung, Mikrobiom, Darmbarriere, Immun- und enteroendokrine Systeme rücken als periphere Treiber von DGBI stärker in den Fokus.
    → zur Originalpublikation
  5. Camilleri et al. – Pharmacological, Pharmacokinetic, and Pharmacogenomic Aspects of DGBI
    Umfassendes Update zu Pharmakotherapie, Motilitäts- und Sensitivitäts-Biomarkern sowie Perspektiven einer stärker individualisierten Therapie.
    → zur Originalpublikation
  6. Heitkemper et al. – Patient Experience, Gender, Age, Race, and Social Determinants of Health
    Sex, Gender, Lebensphasen, Stigma und soziale Determinanten werden konsequent in das Verständnis und Management von DGBI integriert.
    → zur Originalpublikation
  7. Wong et al. – Sociocultural Aspects of DGBI
    Der Beitrag zeigt, wie Kultur, Ernährung, Umwelt, Sprache und Versorgungssysteme Symptomwahrnehmung, Diagnostik und Therapie beeinflussen.
    → zur Originalpublikation
  8. Elsenbruch et al. – Biopsychosocial Aspects of Adult and Pediatric DGBI
    Praxisnahes Update zu psychosozialem Assessment, Patient-Provider-Kommunikation und evidenzbasierten Brain-Gut Behavioral Therapies.
    → zur Originalpublikation

    Neue diagnostische Kriterien und klinische Kapitel

  9. Gyawali et al. – Functional Esophageal Disorders
    Aktualisierte ösophageale DGBI-Kriterien unter Integration von Lyon 2.0, Chicago Classification v4.0 und moderner Funktionsdiagnostik.
    → zur Originalpublikation
  10. Törnblom et al. – Gastroduodenal Disorders
    Neue Abgrenzung von PDS, EPS und Nausea/Vomiting Disorders sowie Einführung des Inability to Belch Syndrome.
    → zur Originalpublikation
  11. Corsetti et al. – Bowel Disorders
    Besonders praxisrelevant: neue IBS-Kriterien mit Wiedereinführung von „discomfort“ und niedrigerem Frequenzschwellenwert.
    → zur Originalpublikation
  12. Fukudo et al. – Centrally Mediated Disorders of Gastrointestinal Pain
    CAPS wird erweitert und die abdominale Migräne erstmals als adulte Rome-Diagnose aufgenommen.
    → zur Originalpublikation
  13. Elmunzer et al. – Gallbladder and Sphincter of Oddi Disorders
    Restriktiverer Ansatz bei Interventionen: typische biliäre Schmerzen gewinnen diagnostisch an Bedeutung, Choleszintigraphie und Sphinktermanometrie verlieren an Stellenwert.
    → zur Originalpublikation
  14. Rao et al. – Anorectal Disorders
    Aktualisierte Kriterien für Inkontinenz und dyssynergische Defäkation sowie neue Kategorien für rektale Hypo- und Hypersensitivität.
    → zur Originalpublikation
  15. Rosen et al. – Rome V Pediatric Upper Gastrointestinal DGBI
    Deutlich erweiterte pädiatrische Klassifikation mit ösophagealen DGBI, Air-Transit- und Feeding Disorders sowie stärkerer Einbindung objektiver Funktionsdiagnostik.
    → zur Originalpublikation
  16. Di Lorenzo et al. – Lower and Biliary DGBI: Child and Adolescent
    Neue anatomisch orientierte Klassifikation mit zusätzlichen Diagnosen wie CAPS, biliärem Schmerzsyndrom, funktionellem Bloating und Proctalgia fugax.
    → zur Originalpublikation

    Forschung und diagnostische Instrumente

  17. Sayuk et al. – Design of Treatment Trials for DGBI
    Empfehlungen für moderne DGBI-Studien – von klassischen RCTs bis zu pragmatischen Studien, Ernährungsinterventionen, Brain-Gut-Therapien und digitalen Therapeutika.
    → zur Originalpublikation
  18. Palsson et al. – Development of the Rome V Diagnostic Questionnaires
    Die neuen Erwachsenen- und Kinderfragebögen bilden die revidierten Kriterien ab, nutzen verbesserte Antwortskalen und anatomische Abbildungen und erfassen zusätzliche DGBI.
    → zur Originalpublikation

 

Fazit

Rome V ist weit mehr als ein Update diagnostischer Grenzwerte. Die neue Klassifikation führt das moderne Verständnis von DGBI konsequent weiter: weg von einem vermeintlichen Fehlen „organischer“ Ursachen und hin zu einem integrativen Modell aus Darm-Hirn-Kommunikation, Motilität und Sensitivität, intestinalem Mikromilieu, Immunfunktion, Ernährung sowie psychosozialen und soziokulturellen Faktoren.

Für die klinische Praxis besonders wichtig ist dabei die Botschaft: Rome-Kriterien sollen eine positive Diagnose ermöglichen und Patient:innen nicht von einer sinnvollen Behandlung ausschließen, nur weil ein Forschungsgrenzwert knapp verfehlt wird.